Kapitel 10

Special Moments

Die Momente, die den Verein bis heute prägen
6 Min. LesezeitAktualisiert: März 2026
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In seiner Praxis in der Nähe des Münchner Marienplatzes erhält FC Bayern-Vereinsarzt Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt an einem Sommertag im Jahr 2013 unvermutet Besuch. Vor seiner Tür steht Jupp Heynckes, 68, Ex-Trainer des FC Bayern München. Bevor sich der Trainer-Veteran in den Ruhestand verabschieden wird, hat er mit den Münchnern Historisches geschafft. Mit der Deutschen Meisterschaft, dem 2:1 gegen Borussia Dortmund im „deutschen Finale" der Champions League und dem 3:2-Erfolg gegen den VfB Stuttgart im DFB-Pokalfinale hat Heynckes den FC Bayern zum ersten „Triple" in der Vereinsgeschichte geführt. Es ist die Krönung seiner Trainer-Laufbahn. Im Stil eines Grandseigneurs bringt „Don Jupp", der München in Richtung seines Bauernhofs in Schwalmtal bei Mönchengladbach verlassen wird, den Henkelpott, die Meisterschale und den DFB-Pokal mit in die Praxis von Müller-Wohlfahrt. „Er wollte unbedingt, dass auch ich und alle meine Mitarbeiter in der Praxis zu unserem Triple-Foto kamen", erzählt Müller-Wohlfahrt, den alle nur „Mull" nennen, im Juni 2018 in BILD.

Eine große Geste von einem Mann, der gezeigt hat, dass er sich wandeln kann. Der gereift zu sein scheint wie guter Wein. Vom Trainer-Novizen mit der ungelenken Rhetorik ("Ich muss sagen, ich bin der Meinung" / „Daum hat Bundesliga PR-mäßig angeheizt") zum fast nicht mehr vermittelbaren Job-Hopper, der schon 2004 als „Trainer der alten Schule" (Zitat Rudi Assauer) abgestempelt ist, bis hin zum Trainer-Gentleman, dem sie in München zu Füßen liegen. Die Meisterschaft, die bis dahin früheste in der Bundesliga-Geschichte, feiert Heynckes mit den Bayern Anfang April mit einem 1:0 in Frankfurt.

Ausgerechnet Frankfurt! Nirgendwo hat „Don Jupp" eine größere Pleite erlebt als beim einstigen High Flyer des deutschen Fußballs aus Hessen32. Nirgends hat sich der Rheinländer in seiner Karriere unbeliebter gemacht als am Frankfurter Stadtwald. Bei keinem anderen Klub hat er durch sein stures Handeln mehr verbrannte Erde hinterlassen als in der Main-Metropole.

Der Heynckes, den die strengen Frankfurter Boulevardmedien und die verwöhnten Fans bei seinem Amtsantritt im Juli 1994 kennenlernen, hat nicht viel zu tun mit dem „relaxten" Trainerfuchs der späten Jahre. Heynckes wirkt oberlehrerhaft, beratungsresistent und unnahbar. „Wenn ich hier am 7. Juli anfange, werden die Uhren anders gehen", sagt er bei seiner Präsentation, „es ist selbstverständlich, dass, wenn ich in eine Meisterschaftssaison gehe, auch Meister werden will."

Ein Versprecher, der ihn teuer zu stehen kommen wird. Beim FC Bayern München hat er sich im Frühjahr 1990, nach der Deutschen Meisterschaft, schon einmal zu einer unbedachten Äußerung hinreißen lassen. „Ich verspreche Euch", ruft er den Bayern-Fans am Marienplatz zu, „dass wir im nächsten Jahr den Europapokal holen." Die Bayern-Stars um Klaus Augenthaler vernehmen es mit Achselzucken – am Ende wird es 1991 nur das Halbfinale und im Oktober gleichen Jahres muss Heynckes beim FC Bayern vorzeitig gehen. Der Weltmeister von 1974 arbeitet nach dem „Aus" bei den Bayern alsbald wieder, bei Athletic Bilbao im Baskenland.

Nach kurzer Zeit holt Eintracht-Vizepräsidenten Bernd Hölzenbein seinen ehemaligen Nationalmannschaftskollegen Jupp Heynckes, mit dem er elfmal für Deutschland gespielt hat, in die Bundesliga zurück. Eintracht Frankfurt hat eine turbulente Saison hinter sich. Der ambitionierte Klub aus Hessen hat nach der „Herbstmeisterschaft" 1993 einen fatalen Absturz hingelegt. „Aus" im UEFA-Cup-Viertelfinale gegen „Casino" Salzburg, am 10. April 1994 die Entlassung von Trainer Klaus Toppmöller und Kapitän Uli Stein, Wechsel von Regisseur und Weltmeister Uwe Bein nach Japan. Der Wunsch der Frankfurter Verantwortlichen: Bitte nicht noch ein Jahr FC Hollywood am Main! Heynckes, so hofft man, „soll Ruhe in den Verein bringen." Insgeheim schielen Hölzenbein und Co auf die Deutsche Meisterschaft, die Frankfurt 1992 und 1994 grandios vergeigt hat. Vielleicht statten sie den Disziplinfanatiker ("Da müssen sich einige Herren umstellen") auch deshalb bis zur Selbstaufgabe mit allen möglichen Kompetenzen aus.

Das mit der „Ruhe im Verein" wird man schnell zu den Akten legen „Dies", bilanziert man bei RAN – SAT 1-Fußball später gewohnt blumig, „ließ selbst sieben Jahre turbulente Stein-Zeit wie ewigen Frieden erscheinen." Es ist aber nicht nur Heynckes‘ Drohung, wonach die Uhren ab sofort anders gehen würden. „Ich bin nicht gekommen, um Vierter oder Fünfter zu werden", hält Heynckes mit seinen Ansprüchen nicht gerade hinterm Berg. Der Zuchtmeister lehnt Gaudinos Wechsel-Wunsch zum 1. FC Kaiserslautern, wenn man es so will auch ein „Moment, that changed the Club" für die Pfälzer, strikt ab – und macht sich direkt neue Freunde.

Der Start verläuft mies. 0:0 gegen Köln, 1:1 beim 1. FC Kaiserslautern und am 3. Spieltag spielt Bayer 04 Leverkusen mit den Altstars Bernd Schuster und Rudi Völler Eintracht Frankfurt mit 4:0 aus den Schuhen. Ein Detail fällt schon in diesem Spiel auf: Anthony Yeboah, der amtierende Bundesliga-Torschützenkönig, ist nicht im Kader. Dass etwas zwischen dem stolzen Torjäger aus Ghana und dem Erfolgstrainer Jupp Heynckes, bis dato zweimal Deutscher Meister mit den Bayern (1989 und 1990), ist, ahnen in Frankfurt zu diesem Zeitpunkt nur Insider. Offenkundig wird der Konflikt nach dem 0:3 gegen Bayer 05 Uerdingen am 24. September 1994 – mit zum Teil ungeheuerlichen Aussagen. „Wir haben letzte Saison sehr gut gespielt, aber jetzt haben wir dieses System (ein 3-5-2) nicht kapiert", klagt Yeboah bei RAN – SAT1-Fußball, „wir haben nicht die Erfahrung wie Barcelona." Heynckes kontert direkt. „Wir wissen, dass Yeboah grundsätzlich Schwierigkeiten hat, sich zu artikulieren", giftet er live bei SAT 1 im TV, „die Mannschaft setzt das Potenzial, was in ihr steckt, nicht um. Wir haben große Schwächen in der Defensive." Probleme mit dem System hat auch der „intellektuelle Vordenker" Thorsten Legat ("Kasalla"): „Wir spielen mit Viererkette, mehr weiß ich auch nicht." Heynckes ist empört: „Da sieht er die Dinge nicht richtig, bei einem solchen Missverständnis hätte er zu mir kommen müssen." Tut er aber nicht. Auch Maurizio Gaudino, Jay-Jay Okocha und Anthony Yeboah kommen nicht. Jedenfalls nicht zum Heimspiel gegen den Hamburger SV (2:0) am 3. Dezember 1994. Zuvor hat Heynckes sie zum „Straftraining", einem 30-minütigen Waldlauf geschickt, worauf sich die Leistungsträger kurzfristig abgemeldet haben. Yeboah erklärt dem Trainer, er werde zum Spiel gegen den HSV nicht erscheinen. Okocha gibt vor, mental nicht in der Lage zu sein, Fußball zu spielen und Gaudino fühlt sich nach zwei Trainingseinheiten am Freitag körperlich kaputt. Eintracht Frankfurt reagiert. Gaudino und Yeboah fliegen raus, Okocha wird in der Rückrunde begnadigt. Mit dem Rauswurf von Torversicherung Yeboah (sieben Treffer in 14 Liga-Spielen 1994/95) und Spielmacher Gaudino ("Heynckes kann mit Stars nicht umgehen") sägt sich der Verein selbst den Ast ab. Gaudino und Yeboah wechseln nach England, zu Manchester City und Leeds United. Immerhin: Leeds zahlt mit umgerechnet 3,25 Mio. € Ablöse eine angemessene Summe für die Torjäger-Dienste von Anthony Yeboah. „Der Rauswurf war völlig unnötig und ein großer Fehler. Er hat mit dieser Aktion den Klub Frankfurt auf Jahre kaputtgemacht", kritisiert Yeboah seinen Ex-Coach Heynckes noch Jahre später. In der Saison nach dem Heynckes-Desaster steigt Eintracht Frankfurt erstmals aus der Bundesliga ab.

Jupp Heynckes unbeliebt Frankfurt Fans Protest 2006
Abb. 1.16.10 Jupp Heynckes ist weniger beliebt in Frankfurt. Frankfurter Fans machen am 05.11.2006 ihrem Ärger über Jupp Heynckes, damals Trainer von Borussia Mönchengladbach, Luft. Foto: Imago Images/ Volkmann

„Ich bin weg aus Frankfurt und er kann nun zeigen, was für ein Weltklasse-Trainer er ist", gibt Gaudino Heynckes aus Manchester noch einen mit. Dazu ist es zu spät. Am 2. April 1995 ist Heynckes‘ Uhr nach einem 0:3 gegen Schalke und Platz 13 in der Bundesliga in Mainhattan abgelaufen. Er holt seine Frau Iris nach Frankfurt, die ihm die offizielle Abschiedserklärung aufsetzt. „Für mich ist es selbstverständlich, auf die Abfindung zu verzichten", diktiert ihr Jupp Heynckes. Kolportiert werden umgerechnet 900.000 Euro. „Ich bin schockiert", sagt Manfred Binz, einer der wenigen Heynckes-Getreuen im Eintracht-Team, beim Blick auf die Rücktrittserklärung, „Heynckes war der beste Trainer, mit dem ich je gearbeitet habe." Das werden die Stars des FC Bayern München auch über „Don Jupp" sagen. Allerdings erst 23 Jahre später, als er sein Versprechen vom Marienplatz doch noch einlöst.

Für die Eintracht ist die Verpflichtung von Jupp Heynckes ein „very special moment". Sie markiert das Ende aller Meisterambitionen und den Beginn der Phase, in der der Verein zur Fahrstuhlmannschaft mutiert und um die wirtschaftliche und sportliche Existenz kämpfen muss. Manchmal passt es einfach nicht!

32. Außer vielleicht in Mönchengladbach im Jahr 2007.↩

Alle Kapitel: 01. Prolog 02. Good to Know 03. Für die Hater 04. Für die Lover 05. Schlüsselfiguren 06. Personae Non Gratae 07. Tragisch 08. OMG — Oh My God 09. Fun Facts 10. Special Moments 11. Weise Worte 12. Steckbrief [Annex]
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