Kapitel 02

Good to Know

Was wenige wissen
3 Min. LesezeitAktualisiert: März 2026
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Seit den 90-er Jahren des 20. Jahrhunderts kämpft die Eintracht immer mal wieder wieder um ihre sportliche und wirtschaftliche Existenz. Dabei hat der Verein ziemlich spezielle Typen angezogen: als Spieler, als Manager und als Präsident.Das ist bekannt. Weniger bekannt sind die speziellen Umstände der Inthronisation des wohl skandalträchtigsten Präsidenten der Frankfurter. 1988 steigt Matthias Ohms, der „5-Milliarden-Dollar-Mann", wie der Devisenhändler spöttisch vom Frankfurter Boulevard genannt wird, als Vizepräsident von Joseph Wolf ein. 1983 hat sich Ohms erstmals als „Gönner" hervorgetan und der klammen SGE ein „zinsloses Darlehen" über 1,1 Millionen Mark gewährt. Nobel, nobel. Was heute Wenige wissen: Die Inthronisierungsversammlung der SGE am 14. November 1988 ist speziell, es fliegen die Fäuste. Der bei den Fans extrem unbeliebte Autowaschanlagen-Besitzer Wolf, dessen Wahl ein gewisser Moritz Hunzinger mit einer Wortmeldung am Mikrofon noch verhindern will, hält sich genau neun Tage im Amt.

Ohms dagegen verantwortet bis zu seinem Rücktritt nach dem Bundesliga-Abstieg 1996 und einem erfolgreichen Misstrauensvotum das bis heute erfolgreichste wie traurigste Kapitel der Eintracht in der Bundesliga. Er passt mit einer Mischung aus Großmannssucht, Rotlicht-Milieu und zweifelhaften Personalentscheidungen perfekt zum Skandalverein vom Main. In Spitzenzeiten beschäftigt das „Finanzgenie" Ohms in seinen Büroräumen in der Schillerstraße bis zu 100 Devisenhändler. Seine Tagesumsätze liegen bei kolportierten fünf Milliarden US-Dollar30. Dass er nach Übernahme des Präsidentenamtes 1988 „Rückkehr zur Ruhe" anmahnt, ist blanker Hohn. 13 Tage später wird Trainer Pal Csernai entlassen. Die späteren Trainer-Entscheidungen mit Jörg Berger, Dragoslav Stepanovic und Klaus Toppmöller bescheren der Eintracht unter Ohms die erfolgreichsten Jahre ihrer Bundesliga-Historie.

DER SPIEGEL fasst das besondere Eintracht-Ambiente unter Ohms wie folgt zusammen: „Unter der Führung von Ohms ging „Frankfurts Geldadel mit dem Nachtadel eine fatale Kumpanei ein." Ein offenes Geheimnis, das sich in der Eintracht-Szene zur Amtszeit Ohms zugeraunt wird: Im Haus von Ohms steigen auch während seiner Abwesenheit Partys mit Personen aus der Rotlicht-Szene – und wertvolle Eintracht-Unterlagen werden zeitgleich aus seinem Safe gestohlen. Irgendwann Anfang der Neunziger Jahre beginnt der berufliche Abstieg von Ohms. Die Frankfurter Großbanken entziehen ihm nach und nach die Aufträge, Ohms muss seine Firma verkaufen und kassiert 2010 eine Freiheitsstrafe von einem Jahr, die auf Bewährung ausgesetzt wird. Ohms hat falsche eidesstattliche Erklärungen abgegeben. Nur einer seiner zahllosen Skandale. Dazu kommen – wir halten uns knapp – zinslose Kredite an Spieler, Verhandlungen mit nicht lizenzierten Spielerberatern, dubiose Quittungen über Schmiergeldzahlungen, Provisionszahlungen an „Unbekannt". Das volle Programm.

Eintracht Frankfurt vereint wie kaum ein anderer Klub in der Bundesliga Triumph und Tragik. Die „launische Diva" versteht es in ihrer turbulenten Liga-Historie immer wieder, sicher geglaubte Erfolge zu verspielen – und bietet ihren Hatern damit allerbesten Stoff. Umgekehrt kann sich der Verein auch immer wieder aus scheinbar aussichtslosen sportlichen Situationen herauswinden. Häufig verdrängt wird im Eintracht-Umfeld dabei gerne, dass es der Verein mit deutschen Meisterschaften nicht so hat. Nur im Jahr 1959 gelingt der Titelgewinn durch ein 5:3 im Finale gegen Kickers Offenbach. Das ist bekannt. Weniger bekannt ist, dass der Verein um ein Haar bereits 1932 Deutscher Meister geworden wäre. Wenn er auch das zweite Spiel binnen sechs Wochen gegen den FC Bayern München gewonnen hätte. Am 1. Mai 1932 schlagen die Hessen im Endspiel um die Süddeutsche Meisterschaft den FC Bayern mit 2:0. Es ist ein Skandalspiel. Die Eintracht geht durch zwei Tore des Schweizers Dietrich noch in der ersten Hälfte in Führung. Die Bayern werden in der zweiten Halbzeit stärker und fühlen sich durch den Schiedsrichter benachteiligt. Die Münchner Fans stürmen kurz vor Schluss das Spielfeld. Sieben Minuten vor Ende der regulären Spielzeit wird die Partie abgebrochen. Im Endspiel um die Deutsche Meisterschaft kommt es am 12. Juni zur schnellen Revanche. Mit 2:0 triumphieren die Münchner vor 55.000 Zuschauern. Erst nach dem Endspiel um die Deutsche Meisterschaft wird die Eintracht zum Sieger des Spiels am 1. Mai erklärt, der FC Bayern erhält eine Geldstrafe.

Auch wenig bekannt. Die Eintracht hält einen ganz speziellen Rekord in der Bundesliga. Per Dezember 2019 ist sie der Verein, der in der Addition von Toren und Gegentoren die meisten Tore und Gegentore in einer Bundesliga-Saison geschossen/erhalten hat. 83 Tore schießt der Verein in der Bundesliga-Saison 1981/82. 72 Gegentore kassiert er. Das sind zusammen 155 Tore.

Matthias Ohms Präsident Eintracht Frankfurt 1992
Abb. 1.16.2 Matthias Ohms im Jahr 1992 als Präsident von Eintracht Frankfurt. Foto: Imago Images/ Kicker/Liedel

30. Was als Devisenhändler mit den entsprechenden Hebeln, mit denen in der Regel gehandelt wird und im Intra-Day Handel gar nicht so schwer ist.↩

Alle Kapitel: 01. Prolog 02. Good to Know 03. Für die Hater 04. Für die Lover 05. Schlüsselfiguren 06. Personae Non Gratae 07. Tragisch 08. OMG — Oh My God 09. Fun Facts 10. Special Moments 11. Weise Worte 12. Steckbrief [Annex]
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